in Bildern Sprechen (iBiS)

4. Theorie (Glossar)

Der Ansatz von iBiS ist geprägt durch die inhaltliche Orientierung am sprachlichen Bild und dessen Anteil an der Bedeutungsbildung metaphorischer Redewendungen. Für die theoretischen Grundlagen sind ausgewählte, hierfür relevante Aspekte aus drei Forschungsrichtungen zusammen geführt: Prinzipien aus dem Bereich Metaphern (interaktionistischer Ansatz) und Phraseologie (Nicht-Kompositionalität) sowie aus der Bildwissenschaft (Unterscheidung image und picture).

Zu Vorarbeiten vgl. Rothkegel (2001, 2004, 2014, 2015), Rothkegel/Woirgardt-Kobayashi (2002).

Im Glossar der zentralen Termini werden folgende Punkte weiter ausgeführt:


  • Grundformel für die Metapher: A = B (z. B. Geld ist Wasser). Eine Sachdomäne B (Herkunftsbereich) liefert die Basis für das Verständnis einer Aussage im Rahmen einer Sachdomäne A (Zielbereich); vgl. Geldfluss, Finanzströme, ein warmer (Geld-)Regen, usw. (Liebert 1992). Eine Redewendung wie ins Wasser säen steht für „sinnloses weil vergebliches Tun“. Die Art der Verbindung zwischen den beiden Bereichen ist bestimmt durch eine Analogierelation (etwa „unnützer Einsatz von Ressourcen bei fehlenden Voraussetzungen für den Erfolg“).
  • Phraseologische Perspektive / Prinzip der Nicht-Kompositionalität: Die Bedeutung eines mehrwortigen Ausdrucks (z. B. ins Wasser säen) kann nicht erschlossen werden aus den Bedeutungen seiner Teile (das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile), wie dies bei einwortigen Formulierungen der Fall ist (z. B. die Tasche ist ins Wasser gefallen). Dennoch spielt das sprachlich ausgedrückte Bild eine Rolle bei der Bedeutungskonstruktion.
  • Sichtweise der Bildwissenschaft / Aspekte der Bildbedeutung: Das sprachlich ausgedrückte Bild ist – ähnlich wie das visuelle Bild – geprägt durch Aspekte der Bildfindung, Bildidee, Bildkomposition und Bildgestaltung, die die Abstraktion der Gesamtbedeutung beeinflussen.


Analogie

Hofstadter/Sander (2014) betrachten die Analogie als „die natürliche Form des Denkens“ (S. 32), die darin besteht, konkrete Situationen in den Bereich des Abstrakten (Begriffsbildung) zu verschieben, anders ausgedrückt: einer Kategorie zuzuordnen (vgl. Fisch im Wasser > „Lebendigkeit“). In diesem Sinne ist ein Begriff „ein abstraktes Muster im Gehirn, das für einen regelmäßigen, wiederkehrenden Aspekt der Welt steht.“ (S. 56). Mit Blick auf Redensarten bzw. Sprichwörter wird betont, dass es sich hier nicht um Tatsachenbehauptungen handelt, sondern um Perspektiven, in denen sie „ein Licht auf eine Situation werfen und in ihr mehr sehen als die Darstellung von Ereignissen“ (S. 146). Dabei spielt der Bildanteil als solcher ebenfalls eine wichtige Rolle (Plaum 2016).

Beispiel: Angewendet auf unser Beispiel ergibt sich Folgendes. Eine Als-Ob-Konstruktion wie ins Wasser säen wird abstrahiert in Bezug auf andere Situationen, in denen die Voraussetzungen für erfolgreiches Tun fehlen. Sowohl das Auffinden von Analogien wie auch die adäquate Anwendung in der Kommunikation sind kreative Sprachakte.

Analogierelationen werden nicht nur im Alltag verwendet, sie spielen auch eine große Rolle in den Fachgebieten und Wissenschaften, hier sowohl zur Erzeugung von Wissen wie auch zu seiner Vermittlung.


Bild und Sprache

Sprach- und Bildsystem:
Beide Systeme bieten Mittel für die informative, aber auch die argumentative Vermittlung von Inhalten in der Kommunikation, für die Selbstdarstellung sowie für die Erzeugung und den Transport von Stimmungen und Emotionen. Beide sind eingebunden in die kulturell geprägten Konventionen des Zeichengebrauchs, der Gestaltung und medialen Umsetzung (print/online).

Realitätserfassung:
Bild und Sprache haben vieles gemeinsam, doch gibt es auch Unterschiede, die beim sprachlichen Bild als „die Einheit dazwischen“ zum Tragen kommen. Was ist gemeinsam? Sie referieren (verweisen) auf die „Welt“ bzw. auf eine „Realität“, die sie im Rahmen ihres jeweiligen Zeichensystems erfassen. Bei visuellen Bildern geschieht dies über die Bildobjekte (was dargestellt ist), bei der Sprache über Wörter, Sätze, Texte. Beim sprachlichen Bild (Metapher) gibt es einen sprachlichen Ausdruck, der in der Kombination mehrerer Wörter eine phraseologische Bedeutung realisiert, die mit der wörtlichen Bedeutung des Ausdrucks – zumindest vordergründig – nichts zu tun hat und nicht daraus abgeleitet werden kann („etwas Sinnloses, Vergebliches, Erfolgloses tun“ / ins Wasser säen).

Doppelkodierung:
In kognitiver Sicht gilt die Annahme von der Doppelkodierung begrifflicher und bildlicher Repräsentationen im Gedächtnis (ausgehend von Paivio 1986). Danach erzeugen auch einzelne Wörter visuelle Vorstellungen („image“). Dies betrifft ebenfalls die Wörter, die im sprachlichen Bild verwendet werden (z. B. Wasser oder säen).

Bildhaftigkeit:
In linguistisch-phraseologischer Sichtweise spricht man hier von Bildhaftigkeit (Burger 1989). Es geht um individuelle Assoziationen, die sich nach Häcki Buhofer (1989) auf isolierte Wörter im sprachlichen Bild beziehen, also nicht auf den Gesamtausdruck (s. u.). Auf solche Assoziationen greift man gerne bei der Visualisierung zurück, bei der – im Zeichensystem Bild – ein materielles Bild (kognitiv: „picture“) produziert wird, das im Prinzip – wie die wörtliche Bedeutung – keinen Bezug zur abstrakten phraseologischen Bedeutung hat (und von daher nichts zum Verständnis von Phraseologismen beiträgt). Oder doch? Diese Frage wird weiter unten wieder aufgegriffen.

Bildlichkeit:
Betroffen ist der Gesamtausdruck (nicht einzelne Wörter aus dem Ausdruck). Das Verständnis der phraseologischen Bedeutung hängt davon ab, ob und wie die verwendete Metapher verstanden wird. So besteht durchaus eine Verbindung zwischen der wörtlichen und phraseologischen Bedeutung, nämlich über das abstrakte Merkmal der Analogie, den Kern der Metapher. Beim Beispiel Fisch im Wasser trifft das Merkmal „Lebendigkeit“ sowohl auf die wörtliche wie auch auf die phraseologische Bedeutung („sich im passenden (sozialen, intellektuellen, natürlichen, …) Umfeld wohl fühlen und darin aktiv sein“). Nach dem in iBiS präferierten interaktionistischen Metaphernverständnis (nicht: Übertragung von der wörtlichen auf die phraseologische Bedeutung) ist es die abstrakte phraseologische Bedeutung, die Einfluss auf die Selektion des sprachlichen Bildes hat (Bildfindung).

Für die Abstraktion, die bereits auf die wörtliche Bedeutung wirkt, spricht ein zweiter Gesichtspunkt. Die hier ausgedrückte Referenz der beteiligten Wörter (z. B. Fisch, Wasser) bezieht sich auf Klassenbegriffe, nicht auf individuelle Instanzen. Es handelt sich um Platzhalter, die bei der Visualisierung (Ebene „picture“) individuell ausgefüllt werden müssen.

Komposition:
Der Anteil des sprachlichen Bildes (wörtliche Bedeutung) an der Gesamtbedeutung (phraseologische Bedeutung) bezieht sich nicht zuletzt auf die Gesamt-Komposition des sprachlichen Bildes, die durch ihren Realitätsbezug charakterisiert ist (Ballstaedt (2012). In iBiS werden grob drei Kompositionstypen unterschieden:

(1) Nachbildungen auf der Basis von (a) Natur-Erfahrungen und (b)
Quasi-Erfahrungen mit den daraus abgeleiteten Als-Ob-Konstruktionen:
(a) De: Wasser fließt immer den Berg hinab
Jap: wo ein Feuer ist, gibt es Rauch
(b) De: Wasser hat einen kleinen Kopf
Jap: auch im Löschhaus kann es brennen

(2) Nachbildungen auf der Basis von (a) Erfahrungen mit Bezug zu Menschen (Alltag, Beruf usw.) sowie (b) Quasi-Erfahrungen, also abgeleitete Als-Ob-Konstruktionen:
(a) De: Wasser auf die eigene Mühle leiten
Jap: Wasser ins eigene Reisfeld leiten
(b) De: ins Wasser säen
Jap: Schnee aufhäufen und Glühwürmchen sammeln
In diese Rubrik gehören auch Szenen aus Ritualen und Brauchtum wie z. B. De: Jmd. nicht das Wasser reichen können [in der Leistung hinter jmd. zurückstehen]

(3) Semantische Konstruktionen: Es gibt keine Vorbilder bzw. Quasi-Vorbilder in der Außenwelt. Man muss annehmen, dass die visuellen Vorstellungen aus abstrakten Relationen abgeleitet sind (z. B. De: aus einer Mücke einen Elefanten machen). Dies scheint generell für Relationen zu gelten, die für Kontrast oder Intensivierung stehen:
De: Wasser und Feuer, Blitz und Hagel
Jap: Wasser und Feuer, Schnee und Tusche

Bildkräftigkeit:
Die Expressivität eines sprachlichen Bildes hat zu tun mit der „Produktion von Präsenz“ (im Sinne der Bildwissenschaft, vgl. Gumbrecht 2004, zitiert nach Frank/Lange 2010, 69), die einerseits durch die Selektion eines attraktiven Realitätsausschnitts, andererseits durch die assoziierten Vorstellungen bestimmt ist, die ihrerseits individuell von Wissen, Erfahrung und Fantasie beeinflusst sind. So mag ein lyrisches, möglicherweise aus der Kunsttradition bekanntes Szenario aus den Bildelementen Wasser, Berg, Mond besonders attraktiv erscheinen, während Alltagsszenen weniger Brillanz zeigen. Die Ebene der Expressivität steht der Ebene der visuellen Vorstellung bzw. Bildhaftigkeit („image“) näher als der Ebene der Bildlichkeit. Sie spielt auch eine wichtige Rolle bei der Visualisierung.


Metapher

(bezeichnet auch als Sprachbild oder sprachliches Bild zur Unterscheidung von visuellen Bildern (vgl. Bild und Sprache): Eine besondere Art der Bedeutungsherstellung ist die durch Metaphern: man sagt etwas, was in einer anderen Bedeutung gemeint ist. Am Standardbeispiel Kapitalfluss lässt sich dies einfach demonstrieren mit folgender Formel: X [Geld] ist Y [Wasser]. Die Bewegung des Kapitals wird verglichen mit der kontinuierlichen Bewegung fließenden Wassers, wie wir sie beispielsweise bei einem Fluss beobachten.

Zwei Sachbereiche werden in Beziehung gesetzt, um etwas Neues oder sinnlich Nicht-Wahrnehmbares zu benennen, einen Begriff zu erklären oder einen komplexen Sachverhalt „auf den Punkt zu bringen“. Unter dem Terminus Analogie ist die semantische Relation beschrieben, die die beiden Bereiche miteinander verknüpft (Analogie). In diesem Abschnitt geht es um Modelle der strukturellen Zuordnung. Grob gesehen, stehen sich zwei Modelle gegenüber: Transfer und Interaktion.

Im Transfer-Modell (Übertragung) geht man von einer Art gerichteter Dynamik aus. Dabei liefert der Herkunftsbereich das sprachliche Bild und damit das die Analogierelation bestimmende Merkmal, das den Zielbereich selektiert. In diesem Sinne spricht man von Übertragung bzw. übertragener Bedeutung. Mehr Plausibilität weist das interaktionistische Modell auf (Black 1979, Indurkhya 1992/2010) auf. Danach hat der Zielbereich ebenfalls eine steuernde Funktion. Er hat Einfluss darauf, welcher Herkunftsbereich für die metaphorische Relation überhaupt in Frage kommt.

Der interaktionistische Ansatz lässt sich gut am Beispiel vom „vergeblichen, erfolglosen Tun“ (ins Wasser säen) demonstrieren. Je nach Bibelkenntnis wird man an das Gleichnis vom Sämann erinnert bzw. an den erzählten Vorgang des „Säens“, das nur bedingt erfolgreich ist, weil der Samen in den meisten Fällen nicht gezielt in der dafür vorbereiteten Erde landet (sondern auf dem harten Weg, unter den Steinen usw.). Vor diesem Hintergrund erscheint die Als-Ob-Konstruktion des gezielten „Säens ins Wasser“ als eine Steigerung im bewussten „Bemühen“ um Erfolglosigkeit wegen der Wahl des falschen Umfeldes (statt des Elements Erde) und zusätzlicher unnützer Verschwendung von Ressourcen. Man kann annehmen (empirisch lässt sich dies nicht nachweisen), dass in diesem Fall die Bildfindung durch den Zielbereich bestimmt ist. Dies gilt ohnehin für alle Als-Ob-Konstruktionen, die semantisch motiviert sind.

Metaphern gelten als wirksame Kommunikationsmittel in unterschiedlichsten Kontexten (Alltag, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Technik, Sport, Marketing). Eine Sichtweise, nach der Metaphern als stilistische Dekoration oder als unwissenschaftlich eingestuft werden, gehört der Vergangenheit an. Konsens besteht darin, dass sie – kognitiv gesehen – eine wichtige Strategie bei Wissenserwerb sowie der Vermittlung abstrakter und komplexer Inhalte darstellen (Drewer 2007). Im diskursiven Zusammenhang sind sie Anzeiger für kulturell geprägte Verständnisweisen (Modelle), Meinungen und Interessen (Buch/Helfrich 2010).


Phraseologie

Im Fachgebiet der Phraseologie (auch: Idiomatik) geht es um mehrwortige Ausdrücke, zu denen eine Reihe unterschiedlicher Konstruktionen gehören wie Phraseme, Phraseologismen, Idiome, Redensarten, sprichwörtliche Redensarten, Sprichwörter, Kollokationen oder einfach als Wortverbindungen bezeichnete Ausdrücke (Burger et al. 2007). An dieser Stelle ist es nicht möglich, nur annähernd die Breite und Tiefe der phraseologischen Forschung zu tangieren, zumal sich hier die gesamte moderne Linguistik spiegelt, sei es, dass lexikalisch-syntaktische Fragestellungen behandelt oder die uralten Fragen der Semantik aufgerollt werden oder ob es um einzelne kommunikative und strukturierende Funktionen im Text und Diskurs oder generell um Kulturspezifik geht und schließlich um den großen Fragenkomplex hinsichtlich der Umsetzung in didaktische und lexikographische Ordnungen (Überblick in Burger 2015; Rückgriff in iBiS auf Sammlungen: Hessky/Ettinger 1997, Röhrich 2010, Japanisch: Onoe 1992, Shimomiya 2000).

Innerhalb dieses Rahmens sind - mit Blick auf die Positionierung des bildorientierten Ansatzes von iBiS - zwei gegensätzliche Tendenzen der Standardisierung von Interesse: Verfestigung und Offenheit. Verfestigung hat zu tun mit den Festlegungen im Hinblick auf Eigenschaften wie Mehrwortigkeit, lexikalisch-syntaktische Fixiertheit (auch: Stabilität) und Idiomatizität (auch: Figuriertheit). Auf dieser Grundlage spielen Abgrenzung, Differenzierung und Klassifizierung eine Rolle. Die Tendenz zur Offenheit begründet die hohe Anpassungsfähigkeit (an verschiedenartige Kontexte) der in Frage stehenden Ausdrücke durch strukturelle Schematisierung sowie durch semantische Elastizität.

Strukturelle Schematisierung zeigt sich in verschiedenen Formen (bezeichnet auch als Modelle, Schablonen, Formeln). Deutlich zeigt sich dies u. a. in Zwillingsformeln (Feuer und Flamme), in Kontrastpaaren (Feuer und Wasser), aber auch in komplexeren konjunktiven temporalen Verknüpfungen des Typs (a: x bevor y; b: x nachdem y).

(a): jap. noch kurz vor der Mündung des Flusses kann das Schiff kentern {bevor die Gefahrenzone überwunden und das Ziel erreicht ist}/ [ein Projekt kann kurz vor dem Abschluss scheitern]; vgl. ähnliche Bedeutung des deutschen Beispiels: noch nicht an Schmitz Backes vorbei sein {kurz vor dem Ziel kann noch ein großes Hindernis auftreten: (Röhrich 2010) Redensart mit Bezug zu einer Situation in Köln, wo ein Verurteilter, der den städtischen Rechtsbereich fliehend zu verlassen versucht, noch am Henker mit Namen Schmitz Backes vorbei musste}.
(b) x nachdem y (vgl. Beispiel-10, Abschnitt Denkwelten).:
jap. den Löschteich bauen, nachdem das Feuer ausgebrochen ist / deutsch: den Brunnen zudecken, nachdem das Kind hinein gefallen ist.

Die für Phraseme typische Musterhaftigkeit gestattet neben der strukturellen auch eine hohe „semantische Elastizität“. Vorgefertigt, wenn auch möglicherweise modifiziert, passen solche Ausdrücke in viele und verschiedene Kontexte. Dies mag einer der Gründe sein, warum ihnen verschiedentlich die Charakteristik von „Weltbildern“, „Wahrheitssätzen“ oder allgemeinen Werturteilen zuerkannt wird. Unseres Erachtens liegt ihre kommunikative Attraktivität eher im kreativen Umgang mit den „sinnlichen“, d. h. bildlichen Komponenten (die klanglichen und rhythmischen Aspekte wären ebenfalls einzubeziehen, können hier aber nicht berücksichtigt werden). Dagegen spielen Vorkommenshäufigkeiten, die sich auf die Produktivität im Sprachgebrauch beziehen, in diesem Zusammenhang eine eher untergeordnete Rolle.

Den bildlichen (figurativen) Aspekten kommt in der Phraseologieforschung eine zentrale Rolle zu (Überblick in Piirainen/Dobrovol’skij 2005), wobei Unklarheiten bis in die Gegenwart bestehen. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun hat, dass die Schnittstelle zwischen den beiden autonomen und doch miteinander verbundenen Zeichensystemen Bild und Sprache eine gewisse Kompliziertheit aufweist, wenn es um metaphorische Phraseme geht. Im Eintrag Bild und Sprache skizzieren wir die produktive phraseologische Unterscheidung von Bildhaftigkeit, Bildlichkeit und BiIldkräftigkeit im Zusammenhang mit den kognitiv-bildwissenschaftlichen Begriffen „image“ und „picture“ einerseits (Plaum 2016) und den klassensemantischen Einordnungen von „Klasse“ und „Instanz“ andererseits.


Sprachvergleich

Grundsätzlich stellt sich die Frage: was ist gleich, ähnlich, anders, spezifisch für die eine, aber nicht für die andere Sprache?

Kontrastive Phraseologie:
Es liegt auf der Hand, dass metaphorische Redewendungen eine Herausforderung für die Fremdsprachendidaktik darstellen, bilden sie doch bereits für Muttersprachler_innen ein schwieriges Terrain. Ausgangspunkt ist, dass die phraseologische Bedeutung nicht aus der wörtlichen Bedeutung, also dem sprachlichen Bild ableitbar ist (Bild und Sprache), sondern wie einwortige Lexeme gelernt werden muss. Das Besondere liegt darin, dass es zwei Bedeutungen sind, die quasi paarweise zu lernen sind.
Im wiederum paarweisen Vergleich verschiedener Sprachen ergibt sich die Chance, Einblicke in systematische Zusammenhänge zu erlangen, die das Verstehen, Behalten und Anwenden möglicherweise erleichtern (Gréciano/Rothkegel 1997).
Gezielte und sortierte Auswahl, lexikographische Ordnung, systematische Präsentation – abgesehen von anderen generellen Gesichtspunkten – rufen geeignete Theorien auf den Plan. So geht es, nach Dobrovolskij (1999) mit Rückgriff auf Wotjak (1992), nicht nur darum, Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzustellen, sondern Kriterien und deren Relevanz zu bestimmen, worauf diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede zurückzuführen sind (Dobrovol’skij 1999, 108).
Ausgewählte Fragestellungen sind seither in zahlreichen vergleichenden Arbeiten behandelt worden (vorrangig an westeuropäischen Sprachpaaren, mit wenigen Ausnahmen, z. B. Deutsch-Japanisch vgl. Yasunari Ueda / ip.kyusan-u.ac.jp) oder FRAME in Mailand mit Chinesich, s.u.). Hinzuweisen ist vor allem auf die Bemühungen in langjährigen Großprojekten, u.a. am IdS/ Institut für deutsche Sprache (Mannheim: Deutsch-russische Idiome online / wonline.ids-mannheim.de/idiome_russ/index.htm (Leitung D. Dobrovol’skij), vgl. auch Steyer 2012, 2013); das Mailänder Projekt FRAME (Fraseologia Multilingua Elettronica mit 7 Sprachen; www.fraseologia.it/gfm; vgl. Benigni et al. 2015), die Lernerplattform Italienisch (Düsseldorf, lp-italienisch.de). Vgl. u.a. Cantarini (2013), Mollica 2015, Piirainen 2012, 2016, Schafroth (2014) sowie die Sammlung der „widespread idioms“ (Piirainen 2012, 2016).

Tertium comparationis:
Kein Vergleich ohne eine Bezugsgröße! Dies gilt natürlich auch für Metaphernphraseme. iBiS ist in der Weise konzipiert, dass es zwei Bezugssysteme gibt, Bildwelten und Denkwelten. Sie entsprechen je einem semasiologischen und onomasiologischen Ansatz.

Ausgehend von der Bildwelt der „Vier Elemente“ könnte man Fluss (im Sinne von Fließgewässer) als Bezugsbild wählen, um festzustellen, dass diese Kategorie im Japanischen (im Sinne des Konzepts GEFAHR) ein produktives Muster ist, während es im Deutschen keinen vergleichbaren Stellenwert hat. Die Kategorien der Bildwelten lassen sich systematisch ordnen und bilden so eine Art „Kosmos“, der ebenfalls Gegenstand des Vergleichs ist (Beispiel für eine Verzweigung: ERDE [ [BERG], [BODEN], [ERDE, GRUND, SAND] ]; vgl. jap. häuft man Erde auf Erde, entsteht ein Berg [aus vielem Kleinen entsteht Großes].

Wählt man die Denkwelt als Bezugsbereich, könnte man feststellen, dass eine Kategorie MENSCH/PERSON durch einen Ausdruck wie ein stilles Wasser sein im Japanischen keinen Gegenpart hat. Die Kategorien („semantische Felder“) der Denkwelt bilden ebenfalls eine eigenständige Ordnung, an der sich die jeweiligen Konzeptualisierungen orientieren (Beispiel für eine Verzweigung:
MENSCH [MENSCH-UMWELT [ANPASSUNG, AKTIVES TUN] ]; vgl. de: Wasser hat einen kleinen Kopf [angepasster Mensch]; jap.: im Regen mit Strohsandalen gehen [unangepasstes Verhalten].

Äquivalenz:
Statt Äquivalenz ins Zentrum zu stellen (Dobrovol’skij 2011), bevorzugen wir die Bezeichnung „Korrespondenzen“. Diese umfassen ein Muster aus vorhandener, partieller, nicht vorhandener a) Bildäquivalenz und b) Konzeptäquivalenz.



Visualisierung

Optionen:
Die Visualisierung sprachlicher Bilder ist gängige Praxis in Wörterbüchern, Sprichwortsammlungen und Lehrwerken, wo didaktische Ziele verfolgt werden, aber auch in der Werbung mit dem Ziel der Aufmerksamkeitslenkung sowie in der politischen Karikatur, wo es um implizite Mitteilungen geht. In der Regel wird dabei die „wörtliche Bedeutung“ in ein materielles Bild (picture) übersetzt. Auch iBiS nutzt die Möglichkeiten der visuellen Verstärkung der vorwiegend textlich präsentierten Inhalte. Dabei spielen mehrere Gesichtspunkte eine Rolle. Ausgehend von der linguistisch motivierten Unterscheidung von Bildhaftigkeit, Bildlichkeit und Bildkräftigkeit (Bild und Sprache) kommen bildwissenschaftliche Aspekte hinzu, so dass drei Optionen der Visualisierung in Frage kommen, die – getrennt oder im Mix – eine spezifische Verfahrensweise der Präsentation ergeben:

- Ein Wort oder mehrere Wörter des sprachlichen mehrwortigen Ausdrucks bilden den Aufhänger für eine visuelle Vorstellung (image), die als Objekt des visuellen Bildes (picture) hervorgehoben wird (besonders wirksam bei symbolischen Bedeutungen).
- Der Gesamtausdruck wird „übersetzt“ in eine visuelle Szene (Komposition), die das Thema des visuellen Bildes bestimmt. Hier lassen sich Kompositionstypen aufgrund verschiedener Arten des Realitätsbezugs unterscheiden.
- In der Bildgestaltung bündeln sich visuelle Faktoren, die – parallel zum inhaltlich geprägten Bildthema – die visuelle Bildidee repräsentieren.

Symbolische Wortbedeutung:
Auf die Hervorhebung isolierter Wörter ist mit Bezug zum Aspekt „Bildhaftigkeit“ hingewiesen worden (im Sinne von Häcki Buhofer 1989, Bild und Sprache). Eine besondere Rolle spielen Wörter mit symbolischer Bedeutung (Dobrovol’skij/Piirainen 1996). Während bei einer Metapher zwei Sachbereiche durch eine Analogie semantisch miteinander verbunden sind, ist dies bei einem Symbol nicht der Fall. Hier ist die Zuordnung konventionell/kulturell bestimmt, kann also nicht semantisch abgeleitet, sondern muss gelernt werden, so etwa wenn „Mond/runder Vollmond“ für „Vollkommenheit“ steht (vgl. Beispiel-3). Symbole sind Bestandteil der Kommunikation auf allen Ebenen (Alltag, Politik, Bildende Kunst, Musik), wo sie häufig mit bestimmten Traditionen verbunden sind.

Bildthema:
Das Thema der wörtlichen Bedeutung einer Redewendung stammt quasi aus allen Bereichen, die für den Menschen von Belang sind (vor allem seine natürlichen, körperlichen, sozialen, beruflichen, technischen, sportlichen usw. Umfelder; in iBiS sind es die „Vier Elemente“). Im Sinne einer Re-Motivierung kann diese wörtliche Lesart in der Kommunikation hervorgehoben werden, wovon man gerne in der Werbung aus Gründen der Aufmerksamkeitslenkung Gebrauch macht (was das Verständnis der phraseologischen Bedeutung nicht unbedingt erleichtert, was wiederum nicht Ziel der Werbung ist).

Im Projekt iBiS interessiert dagegen, ob und auf welche Weise die Gesamtbedeutung (im Gegensatz zu einzelnen Wörtern) einen Anteil an der phraseologischen Bedeutung hat, was für eine Visualisierung (Komposition) zu berücksichtigen wäre. Im Sinne der oben erwähnten Bildtypologie (Ballstaedt 2012) schauen wir also auf den Realitätsbezug, um gleich festzustellen, dass es sich bei der wörtlichen Bedeutung nicht um eine Art „Abbildung“ handelt (so wie man von „Abbildung“ bei Fotos oder Zeichnungen spricht, wo die Referenten als identifizierbare Objekte dargestellt sind). Auffällig ist vielmehr ein Design, das einer semantischen Konstruktion auf der Basis von Wissen folgt. Entsprechend geht es um die Unterscheidung von „was man sieht“ und „was man weiß“.

Es stellt sich die Frage, wie dem Charakter der Konstruktion bei der Visualisierung auf adäquate Weise Rechnung getragen werden kann, wobei die Einpassung in den jeweiligen Kontext ebenfalls eine Rolle spielt (vgl. die in iBiS relevanten drei Kompositionstypen, skizziert unter „Bildlichkeit“/ Phraseologie“. Generell gilt, dass der Verzicht auf die Annahme einer „Abbildung“ kreative Spielräume der Präsentation eröffnet für geeignete Selektionen der Bildobjekte und deren Komposition. Eine der Optionen ist, dass die Charakteristik der drei Kompositionstypen einen visuellen Ausdruck findet.

Bildidee:
Eine ebenfalls selektierende Funktion hat die Bildidee (Rothkegel 2004). Während das Thema den inhaltlichen Teil abdeckt, bezieht sich die Bildidee auf die visuelle Gestaltung. Ein Blick auf das Beispiel Fisch im Wasser (Beispiel-1) kann dies verdeutlichen. Neben dem abstrakten thematischen Analogie-Merkmal („Lebendigkeit“) wäre ein Gestaltungsmerkmal der Art wie „Eleganz/Leichtigkeit der Bewegung“ zu nennen, das in der visuellen Darstellung reflektiert ist. Die Auswahl von Bild-1, Bild-2 und Bild-3 präsentiert drei der vielen Möglichkeiten, die neben dem Bildthema auch die Bildidee zum Ausdruck bringen (vgl. Bild-3: „viele (Fischschwarm) können in diesem Umfeld gut und mit Leichtigkeit leben“).

Bildfindung:
Die Erfindung des sprachlichen Bildes (vgl. Metapher) hat ihre Entsprechung in der visuellen Bildfindung. Beide sind nicht trivial und können (mehr oder weniger) gelingen oder misslingen. Dies trifft ebenfalls für ihre Anwendung in textlichen und/oder visuellen Kontexten zu, also auch für das Bildverstehen: „Ein Bild ist also erst verstanden, wenn man nicht nur erkannt hat, was dargestellt ist, sondern auch, warum es einem gezeigt wird“ (Ballstaedt 2012, 33).