in Bildern Sprechen (iBiS)

3. Denkwelten

Mit Sprache beschreiben wir die Welt, so wie wir sie aus unserer Sicht verstehen, unterstützt durch die Einteilungen, die sich in den verschiedenen Kulturen im Laufe der Zeit als gebräuchliche Begriffe herausbilden, verfestigen und wieder verändern. Es entstehen begriffliche Denkwelten (Konzeptualisierungen), in denen wir Menschen, Objekte, Sachverhalte, besondere Situationen oder Ereignisse erfassen und uns in diesem Sinne zu verständigen versuchen.

Zunächst als Blickfang wahrgenommen, entfaltet das sprachliche Bild seine Bedeutung von der Imagination ausgehend hin zu abstrakten Begriffen, in denen sich Meinungen und Sichtweisen auf die „Welt“ bündeln. Dabei nimmt der Mensch – in unserer anthropozentrischen Sichtweise – einen breiten Raum ein: als Individuum mit seinen Eigenschaften und Befindlichkeiten, aber auch mit seinen Handlungen, einwirkend auf andere Menschen und die Umwelt.

Im Wortschatz einer Sprache finden sich viele Redewendungen über mögliche Existenzweisen des Menschen, typische Lebenssituationen, seine Beziehungen zu anderen Menschen und zur Umwelt, insbesondere auch über typische Mechanismen für gelingende und nicht-gelingende Handlungen, für Erfolg und Nicht-Erfolg. Was besonders zu interessieren scheint, sind die Mechanismen des möglichen Scheiterns. Zwei Typen werden im Folgenden skizziert: Handeln als Wagnis und Risiko einerseits (Beispiel-9) und Angaben dazu, „aus welchen Gründen es nicht funktionieren kann“ andererseits (Beispiel-10).

Ein kurzer Blick darauf, was unter einer Handlung zu verstehen ist, soll erläutern, wie in diesem Fall sprachliches Bild und abstrakte Bedeutung zusammenhängen. Semantisch gesehen, ist eine Handlung eine mit Absicht ausgeführte Veränderung einer gegenwärtigen Situation. So stehen sich zwei Situationen gegenüber: die Situation vor der Einwirkung und das Ergebnis nach ausgeführter Einwirkung.

Als Situation-1 könnte man sich vorstellen: eine Person A hat ein Problem, das sie wegen der Risiken nicht anpacken möchte/kann (die Kastanien liegen im Feuer). Es kommt zur Situation-2: eine Person B übernimmt die Risiken und löst für A das Problem (holt die Kastanien aus dem Feuer). Ein solcher Übergang von Situation-1 zur Situation-2 kann aus mehreren Schritten bestehen. Es kann auch sein, dass das Ergebnis nicht erreicht wird, weil bei einem der Schritte die Situation „kippt“, d.h. ein Schritt verläuft nicht mehr in Richtung Ziel. Dabei kann eine Reihe von Faktoren beteiligt sein. Interessanterweise thematisieren viele Redewendungen solche Fälle.

Beispiel-9 dokumentiert zwei Varianten des Umgangs mit Risiko: a) man geht ein von außen einwirkendes Wagnis ein, b) man erzeugt selbst ein Risiko, sei es für ein eigenes oder ein fremdes Projekt.


Beispiel-9: Handlungen unter dem Aspekt des Risikos


Erläuterung:

- zu (a): Feuer und Speere, die vom Himmel fallen deuten auf eine Art Pseudo-Wettergeschehen hin; es handelt sich um eine semantische „Als-Ob-Konstruktion“, in völliger Übertreibung des sonst Normalen und damit als höchste Steigerung des Risikos zu verstehen.
- Zu (b): Das Element Wasser tritt hier in den Erscheinungsformen Brunnen (deutsch) und Fluss (japanisch) auf. In vielen japanischen Redewendungen symbolisiert der Fluss eine Gefahrensituation. Die Mitte des Flusses bildet dabei den höchsten Grad der Gefährdung, während das Ufer bereits Anteil hat am „sicheren Land“ (vgl. Erde als „Sicherheit“), aber wegen der Flussnähe bereits ein Risiko darstellt (deutsche Korrespondenz: Rand des Brunnens). Bemerkenswert ist, dass Fluss in den deutschen Redewendungen nicht in diesem Sinne verwendet wird.



Vgl.

j: 川中で尼を剥ぐ [kawanaka de ama wo hagu]
{mitten im Fluss die Nonne berauben}
[eine Notsituation ausnutzen, um sich auf Kosten anderer (Schwacher) einen Vorteil zu verschaffen]

j: 川中に立ちても親の脇の下は香ばし
[kawanaka ni tachitemo oya no waki wa kôbashi]
{Wenn die Eltern zur Seite sind, riechen die Kinder selbst mitten im Fluss wohl}
[bei starkem Schutz kann man auch große Gefahren gut überstehen]

Beispiel-10 dokumentiert einige Varianten nicht-zielführender Aktionen. Das Scheitern ist quasi vorprogrammiert aus folgenden Gründen: (a) ungeeignetes Hilfsmittel, (b) die Aktion findet im falschen Element statt, (c) die Aktion findet zu spät statt. Allen gemeinsam ist die Konnotation: „der große Aufwand ist unnütz“.


Beispiel-10: Warum Handlungen scheitern (Element Wasser)





Fazit: Die aufgelisteten Muster in Bild- und Denkwelten sind als exemplarisch und keinesfalls als vollständig zu verstehen. Sie bilden einen Einstieg in die spannenden Zusammenhänge zwischen den verschiedenen metaphorischen Redewendungen und in den Korrespondenzen Deutsch-Japanisch. Und: vielleicht eine Anregung zum Selber-Suchen und –Finden.