in Bildern Sprechen (iBiS)

2. Bildwelten

Von altersher und in vielen Kulturen verankert gilt das Verhältnis „Mensch – Natur“ als besonders produktiv für die Bildung von Metaphern. Die Natur, als ureigenes Bezugsfeld des Menschen und letztlich als seine „förderliche“ wie auch „gefährdende“ Lebensgrundlage, bietet ein unerschöpfliches Anschauungsmaterial für mögliche Analogien und attraktive Bildideen. So verwundert es nicht, dass es vielfache Versuche gibt, so etwas wie Ordnungssysteme zu entwickeln, in die sich die Fülle der Natur eingliedern lässt. iBiS übernimmt das System der „Vier Elemente (Wasser, Feuer, Erde, Luft)“ für die hier ausgewählten Bildwelten.



Relevant für die Bildung der Bedeutung auf der Grundlage des sprachlichen Bildes sind drei Aspekte. Wichtig sind zunächst die Inhalte mit Bezug zu den beobachteten Sachverhalten (d: Wasser fließt immer den Berg hinab), mit Bezug zu bestimmten Grundsätzen (j: der Stein am Fluss kann nicht Stern werden) oder zu den häufigen „Als-Ob-Konstruktionen“ (d. Wasser in ein Sieb schöpfen; j: im Regen mit Strohsandalen gehen). Natürlich spielt die „wörtliche“ Bedeutung als solche keine Rolle. Vielmehr geht es um eine unspezifizierte Vorstellung, die ein Potenzial vielfältiger individueller Konkretisierungen eröffnet (Theorie > Bild und Sprache).

Im Weiteren kommen Bildidee und Kompositionsart zum Tragen. Die Bildidee korrespondiert mit dem Merkmal der Analogie (vgl. „Lebendigkeit“ bei Fisch im Wasser), während die Komposition Unterschiede hinsichtlich des Realitätsbezugs erlaubt:

  • Abbild
    (j: wie ein Reiher auf dem Schnee [zwei Dinge lassen sich nicht unterscheiden ])
  • historische Erfahrung
    (d: jmd. (nicht) das Wasser reichen können)
  • semantische Konstruktion
    (d: Tanz auf dem Vulkan)



Bildwelt-1: Erscheinungsweisen der Elemente

Anders als die chinesische Lehre von den „Fünf Elemente (Holz, Feuer, Metall, Luft, Wasser)“, die sich auf die verschiedenen Dynamiken der Wandlung beziehen, oder die „Sieben Dinge“ des Alten Ägyptischen Reichs mit der Unterteilung von Arealen und Zeiteinheiten wie Himmel, Erde, Unterwelt, Himmelsrichtungen, stehen die Vier Elemente für die materiellen Grundbausteine des Lebens, die sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen manifestieren, so u.a. in Form von Wettererscheinungen, als landschaftliche Grundformen (Wasser: Fluss, Meer, Teich; Erde: Land, Boden, Sand, Berg, Wüste; Feuer: Vulkan), aber auch als künstliche Gebilde (Wasser: Brunnen; Feuer: Herd).


Beispiel-2: Wettererscheinungen





Bildwelt-2: Grammatik der Ambivalenzen

Den Elementen gemeinsam ist die Ambivalenz in der Perspektive des Menschen: die Elemente sind förderlich oder sogar lebensnotwendig, können aber auch eine existenzielle Bedrohung darstellen. Der Mensch wird gesehen als einerseits den Elementen ausgesetzt (das Wasser steht ihm/ihr bis zum Halse), andererseits greift er in sie ein und nutzt sie für seine Zwecke (j: das Wasser ins eigene Reisfeld leiten / d: auf die eigene Mühle leiten).

Die die Ambivalenzen kennzeichnenden Merkmale ergeben eine Art „Grammatik“ von Gegenbegriffen: „konstruktiv / destruktiv“, „unterstützend / schadend“, „richtig / falsch“. Diese wiederum können sowohl positiv wie auch negativ konnotiert sein.

Bei der Bestimmung der Bedeutungen kann man aber nicht einfach vom jeweiligen Wortlaut ausgehen, wie das Beispiel klares Wasser zeigt (s. u. Beispiel-3). So kommt die Ambivalenz darin zum Ausdruck, dass einmal das positive Merkmal („lebenserhaltend“) bestimmend ist (Fisch im Wasser), während bei dessen Fehlen („ohne Nährstoffe“: klares Wasser) die Situation zur anderen negativen Seite kippt.



Eine ganz andere Bedeutung entsteht wiederum, wenn der Ausdruck klar als Symbol im Sinne von „ideal, vollkommen“ verwendet wird (im folgenden Beispiel verstärkt durch die gleiche Symbolik für rund in Bezug auf den gemeinten Vollmond). Hier wirkt eine andere Analogie, nämlich die der „Spiegelung“.


Beispiel-3: Grammatik der Ambivalenzen





Das Merkmal der Auflösung steht im Zusammenhang mit der Eigenschaft der „Formlosigkeit“ des Wassers und seiner Kraft, anderes ebenfalls formlos zu machen durch Auflösung (Beispiel-4). Dies kommt einerseits der Zerstörung des Lebendigen gleich (negative Konnotation), andererseits dem Verschwinden-Lassen eines Problems oder Konflikts (positive Konnotation).


Beispiel-4: Auflösung (Element Wasser)



Bildwelt-2: Elemente-Paare (z. B. Wasser – Erde)

Das Zusammenwirken der Elemente (Elemente-Paar) kann im Sinne von unüberbrückbaren Gegensätzen als problematisch gesehen werden, kann sich aber auch harmonisch gestalten. Ersterem liegt die Vorstellung zugrunde, dass ein Element durch das andere in seiner Kraft unwirksam gemacht wird (Feuer und Wasser: Feuer lässt Wasser verdunsten, Wasser löscht Feuer). Es gibt aber auch Beispiele der Verneinung solcher Gegensätze: es kann also auch gut gehen oder nach der Krise sogar wieder besser (Beispiel-5).




Beispiel-5: Elemente-Paar Wasser – Erde (positive Konnotation)



Beim Element-Paar „Wasser – Erde“ stehen sich die Eigenschaften „unsicher – sicher“ gegenüber. In diesen Fällen gibt es das Risiko, dass es nicht gut geht. Es besteht die Gefahr, dass die zerstörende bzw. auflösende Kraft des Wassers Überhand gewinnt.



Mit den Balken im Ausdruck Wasser hat keine Balken (Beispiel 6) sind die Holzplanken gemeint, die den Boden (festen Boden unter den Füßen) in den menschlichen Wohnungen bilden: eine künstliche Spielart des Sicherheit gebenden Elements Erde. Bei der japanischen Redewendung wie wenn der Buddha aus Erde (Schnee) mit Wasser spielt kommt die Gefährdung durch die auflösende Kraft des Wassers zum Tragen.


Beispiel-6: Elemente-Paar Wasser – Erde (negative Konnotation)



Eine typische Variante des Elemente-Paars „Wasser – Erde“ sind die Erscheinungsformen „Meer – Berg“. Sie gelten als die allgemeinen Grundformen der täglich und zum Teil mühsamen erfahrbaren natürlichen Lebensumwelt des Menschen (d: noch nicht über den Berg sein). In diesem Sinne ergänzen sich die Elemente und erfassen zusammen das „bodenständige“ Spektrum des Lebens (vgl. Beispiel-7).


Beispiel-7: Elemente-Paar Wasser/Meer – Berg (Lebenserfahrung)






Bildwelten-3: Strukturen und Abläufe

Schließlich liefern die sich ergänzenden Grundelemente in den Erscheinungsformen Meer (Wasser) und Berg (Erde) die Bildvorstellungen für allgemeingültige Strukturen und Abläufe. Als natürliche Grundform gilt der Kreislauf, projiziert auf eine sich horizontal und vertikal wiederholende Bewegung – ohne Anfang und Ende. Die eine Komponente enthält die Abwärtsbewegung des fließenden Wassers „vom Berg zum Meer“ hin, die andere Komponente das Spiel des auf- und untergehenden Mondes am Berg. Die Analogie bezieht sich auf eine Art „Gesetzmäßigkeit“ für nicht beeinflussbare Abläufe“.


Beispiel-8: Elemente-Paar Wasser/Meer – Mond/Berg (Kreislauf)